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Irak
Mesopotamien
(10 000 jahren vor cristus) geschichten - sagen - königen - macht -

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Die Männer von Umma haben unsere Stadt in Brand gesteckt. Sie raubten Silber und Edelsteine. Sie haben Blut vergossen im Palast und in den Tempeln. Von den Feldern haben sie das Korn genommen." So beklagte ein unbekannter Chronist aus der Stadt Lagasch in Mesopotamien den Überfall auf seine Heimat. Auf einer über viertausend Jahre alten Tontafel schuf er eines der ersten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit. Und verfluchte den Eroberer samt seiner Gottheit: "Unser König hat keine Sünde begangen, aber Lugalzaggesi, der Gebieter von Umma - seine Göttin Nisaba möge diese Sünde auf ihrem Haupt tragen."

Der König von Lagasch, so künden verwitterte Keilschrift-Texte, war ein gerechter Herrscher, der seine Untertanen "von Dürre, Diebstahl und Mord befreit" hatte. Der Aggressor Lugalzaggesi hingegen, der sich "Reinigungspriester des Himmelsgottes" nannte, war ein rücksichtsloser Despot. Nach einem erfolgreichen Aufstand gegen seine Willkürherrschaft wurde er nackt in einem Käfig zur Schau gestellt und dann gebeugt unter einem schweren hölzernen Joch zur Hinrichtung geführt.

Der heutige Irak war schon immer ein umkämpftes - und hochkultiviertes Land. In der Region zwischen Euphrat und Tigris, damals keine Wüste, sondern ausgesprochen fruchtbar, bauten die Menschen die ersten Städte und begannen, Eigentum anzuhäufen und Hierarchien auszubilden. Die Schrift war das geniale Werkzeug, diese neue, kompliziertere Welt in den Griff zu bekommen. Und der Krieg ein brutales Mittel, in dieser neuen Welt den Besitz des Nächsten zum eigenen zu machen.

Grundlage des Wohlstands in Mesopotamien, zu Deutsch "Zweistromland", war der Vorsprung der Menschen auf dem Weg zur Zivilisation. Denn hier hatten sie ab etwa 10 000 vor Christus Schritt um Schritt gelernt zu säen und zu ernten. Es war ihnen gelungen, wilde Tiere wie Büffel oder Pferde zu domestizieren. So waren sie immer weiter vom Leben als Jäger und Sammler abgekommen, das die Menschheit bis dahin über Hunderttausende von Jahren geführt hatte.

Hier hat sie den riesigen kulturgeschichtlichen Sprung zur Erfindung der Schrift getan. Und hier begann sich erstmals herauszuformen, was wir als Staat bezeichnen: fest umrissene territoriale Herrschaften mit gegliederten Machtstrukturen. Man fing an, Politik zu machen: Verträge zu schließen und sie schriftlich festzuhalten, das Zusammenleben der Menschen mit schriftlich fixierten Gesetzen zu regeln - und man begann, aus kühler Staatsräson Kriege gegen die Nachbarn zu führen. Die Steinzeit war schon zu Ende, doch das Metall, aus dem die Waffen hergestellt wurden, war noch nicht Eisen, sondern Bronze.

Völkerschaften mit halb verschollenen Namen wie Sumerer, Amurriter, Hurriter oder Kassiten wechselten sich in der Zeit zwischen 3000 und 1000 vor Christus in der Herrschaft über das Zweistromland ab, doch ihre Geschichte und die ihrer Führer bleiben meist schemenhaft - die schriftlichen Quellen sind noch zu sporadisch.

Die erste greifbare Figur ist der babylonische König Hammurapi um etwa 1800 vor Christus. Von ihm gibt es eine in Stein gehauene Abbildung. Unsterblich aber wurde er durch den "Codex Hammurapi", eine der frühesten erhaltenen Gesetzessammlungen der Welt. Ihr Grundprinzip lautet Auge um Auge, Zahn um Zahn. "Wenn ein Mann das Auge des Sohnes eines anderen Mannes zerstört, so soll man sein Auge zerstören. Wenn er einem Manne einen Knochen bricht, so soll man seinen Knochen brechen." Die Regeln sind unerbittlich, schaffen aber Rechtssicherheit, wenn auch nicht für jeden. Denn für Sklaven oder Halbfreie gilt der Grundsatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht. Deren Verstümmelung kann man mit einer Geldbuße abgelten. Umgekehrt schneidet man ihnen gleich ein Ohr ab, falls sie wagen, gegen einen Freien handgreiflich zu werden.

Schlägt ein Mann eine schwangere Frau und stirbt diese an den Folgen der Schläge, ereilt nicht den Täter selbst die Strafe. Zur Sühne wird vielmehr eine seiner Töchter hingerichtet. Besonders gefährlich leben in Alt- Babylon die Ärzte. Zwar erhalten sie für die erfolgreiche Behandlung von Augenleiden, Knochenbrüchen oder Sehnenverletzungen einen genau festgelegten Lohn in Silberstücken. Stirbt oder erblindet der Patient jedoch, wird dem Doktor die Chirurgenhand abgeschnitten. Auch Schankwirtinnen - unter Hammurapi wurden Gaststätten offensichtlich nur von Frauen betrieben - müssen extrem auf der Hut sein. Falls sie überführt werden, zu schlecht eingeschenkt zu haben, ertränkt man sie im Euphrat.

In seinen eigenen Augen und denen seiner Zeitgenossen war Hammurapi, dessen Reich ganz Mesopotamien umfasste, ein gerechter und milder Herrscher. Die steinerne Stele, auf der seine Gesetze festgehalten wurden, beginnt mit den Worten: "Recht und Gerechtigkeit habe ich in das Land eingeführt, den Menschen zum Wohlgefallen." Und sie schließt mit einer ganzen Litanei von Flüchen, die jeden Nachfolger auf dem Thron treffen sollen, der nicht seinem Beispiel folgt. Alle Götter Babylons mögen ihn strafen, sollen "gleich dem wütenden Feuer im Schilf seine Gefolgsleute verbrennen" oder ihn "mit einer schwärenden Wunde, die nie mehr heilt", schlagen und ihn "bis sein Leben erlischt, über den Verlust seiner Manneskraft jammern" lassen.

Die nächsten Herren des Zweistromlandes, von denen wir uns ein Bild machen können, waren die Assyrer, ein semitisches Volk wie die Babylonier. Die rund 700 Jahre, in denen sie an Euphrat und Tigris regieren, sind Jahrhunderte voll Terror, Grausamkeit und Blutvergießen. Mit einer nicht endenden Reihe von Kriegen breiten sich die Assyrer von der Gegend des heutigen Mossul im Nordirak langsam über ganz Mesopotamien aus.

Sie zwingen die umliegenden Völker zur Zahlung hoher Tribute. Wer Widerstand leistet, wird erbarmungslos abgeschlachtet. Und darauf sind sie sichtlich stolz. Auf Inschriften rühmen sich die assyrischen Könige ihrer absoluten Macht und Entschlossenheit. Tiglatpilesar I., einer der großen Schlächter auf dem Thron, rühmt sich, 42 Völker unterworfen zu haben: "Ich bedeckte die Länder mit Ruinen, ich übersäte den Boden mit Leichen, als wären sie die Kadaver wilder Tiere", lässt er im 12. Jahrhundert vor Christus in Stein meißeln.

Auf künstlerisch wertvollen Reliefen etwa in ihrer Hauptstadt Ninive feiern die Assyrer auch in Bildern ihre Grausamkeit. Da wimmelt es von geköpften und gepfählten Gegnern. Da werden Feinden die Augen ausgestochen. Sie werden lebendig eingemauert, verbrannt oder gehäutet. Mit der abgezogenen Menschenhaut behängen die Eroberer bewegliche Türme und fahren diese vor den Mauern belagerter Städte auf: als grauenvolle Warnung für die Verteidiger, sich schnellstens zu ergeben. Auf einem Relief sind Militärbuchhalter zu sehen, die akribisch die Zahl der abgeschlagenen Köpfe festhalten. Auf einem anderen tafeln ein assyrischer König und seine Frau scheinbar friedlich im Freien. Doch die Idylle des Mahls trügt: An einem Baum in der Ecke hängt der Kopf eines Enthaupteten.

2-teil
Serie Teil 1: Von der Urzeit bis 53 v. Chr.
Seiten 1 | 2 | 3

Mit Meißel und Schwert
Als "Richter im Auftrag von Gott Assur" lassen sich die assyrischen Könige huldigen. Schaudernd vor Angst sollen die Feinde vor ihnen auf die Knie fallen. Die Herrschaft über die gesamte bekannte Welt ist das erklärte Ziel. Ihre Waffen sind jetzt nicht mehr aus Bronze, sondern aus Eisen. Mit ihren Reitern, Streitwagen und gepanzerten Bogenschützen erobern sie im 7. Jahrhundert Babylonien und zerstören die Hauptstadt nach dem üblichen Blutbad bis auf die Grundmauern. Sie besiegen die Großmacht Ägypten und machen sich das Land der Pharaonen tributpflichtig. Ihre Könige finden trotzdem noch Zeit und Lust, vom Streitwagen aus mit Speer, Pfeil und Bogen auf Löwenjagd zu gehen. Ein rituelles Duell, sagt heute die Forschung. Denn der assyrische König ist Stellvertreter des Gottes Assur, der Löwe hingegen Sinnbild aller dunklen Mächte. Sie gilt es immer wieder zu besiegen. Ein König rühmt sich auf einer Inschrift, mehr als zweitausend Löwen getötet zu haben.

Die Gesetze der Assyrer sind so penibel wie grausam. Sie legen beispielsweise fest, wie ein gehörnter Ehemann seine in flagranti ertappte Frau und deren Liebhaber zu behandeln hat. Gleichberechtigt. "Wenn der Ehemann seine Frau tötet, darf er auch den Mann töten. Wenn er seiner Frau die Nase abschneidet, dann soll er den Mann kastrieren und ihm das ganze Gesicht verstümmeln. Wenn er aber seine Frau ungestraft davonkommen lässt, dann soll man auch den Mann freilassen." Ähnlich exakt ist geregelt, was passiert, "falls eine Frau im Streit den Hoden eines Mannes beschädigt". "Dann soll man ihr einen Finger abschneiden."

Vertragsbrüchige müssen mit der Zunge vom Boden einen Liter verstreuter Senfkörner einzeln auflesen oder in schwereren Fällen ein Pfund Wolle essen und darauf Unmengen von Wasser trinken - wahrscheinlich platzten ihnen danach die Därme. Kann vor Gericht die Schuld eines Angeklagten nicht erwiesen werden, bedeutet dies das Todesurteil für den, der ihn beschuldigt hat. In schwierigen Fällen ordnet das Gericht ein Gottesurteil an. Der Angeklagte wird gefesselt ins Wasser geworfen. Ertrinkt er nicht, ist er frei und dafür der Kläger ein toter Mann.

Assurbanipal (667-631 v.Chr.), einer der letzten und grausamsten Könige der Assyrer, ist hochgebildet und belesen. Er baut seine Hauptstadt Ninive zur glänzendsten Metropole der damaligen Welt aus. Er schickt seine Schreiber los, sämtliche bekannten sumerischen und babylonischen Texte auf dreißigtausend Tontäfelchen zu kopieren, darunter das Gilgamesch-Epos mit der Schilderung der biblischen Sintflut aus babylonischer Sicht. Diese Bibliothek wurde 1845, rund 2500 Jahre später, bei der Ausgrabung des zerstörten Ninive fast unversehrt gefunden.

Für die sagenumwobene Königin Semiramis werden in Babylon die sagenumwobenen "Hängenden Gärten" gebaut, eins der sieben Weltwunder der Antike: in Wirklichkeit verschwenderisch bepflanzte Parkanlagen auf den Dächern des königlichen Palastes. Als Frau auf dem Thron in einer kriegerischen Männerwelt erregt Semiramis die Fantasie der antiken Historiker wie außer ihr nur Kleopatra. Man schreibt der schönen und sinnenfrohen Regentin zahllose amouröse Abenteuer zu: Die im ganzen Reich von ihr künstlich errichteten Hügel seien nichts weiter als die Grabhügel der Liebhaber, deren sie überdrüssig war.

Schließlich, so zwei spätantike Quellen, entbrannte sie in Liebe zu einem Hengst und ließ sich von ihm decken. Als das Pferd starb, warf sich die Königin verzweifelt in einen lodernden Scheiterhaufen und wurde ein Opfer der Flammen.

Jahrhundertelang kann sich das Schreckensregime der Assyrer behaupten: Jeder Aufstandsversuch der unterworfenen Völker wird mit einem Gemetzel beantwortet. Doch in brutaler Dialektik hat jedes Blutbad neue Aufstände zur Folge. 612 vor Christus sind die Unterdrückten endlich stark genug, den Terror ins Herz zu treffen. Die revoltierenden Babylonier verbinden sich mit dem Bergvolk der Meder aus dem heutigen Iran und erobern Ninive. Ihre Rache ist fürchterlich. Die Stadt wird verwüstet und in Brand gesteckt, die Bewohner werden umgebracht. Als zweihundert Jahre später der Grieche Xenophon mit einem Söldnerhaufen durch das nördliche Zweistromland zieht, ragen dort, wo einmal Ninive stand, nur noch riesige Ruinen aus dem Wüstensand. Der Name Assyrien ist dem erstaunten Xenophon bereits kein Begriff mehr - die furchtbarste Herrschaft der Antike ist für immer erloschen.

Die siegreichen Babylonier können unter ihrem König Nebukadnezar II. noch einmal ganz Mesopotamien in ihre Gewalt bringen. Es sollte für mehr als tausend Jahre das letzte Mal sein, dass die semitische Bevölkerung des Zweistromlandes von einer einheimischen, ebenfalls semitischen Dynastie regiert wird.

Nebukadnezar (605-562 vor Chr.), der Nabonassaros der Bibel, hat in der christlichen Überlieferung ein unverdient negatives Image, weil er das aufständische Jerusalem zerstört und die Juden in die berühmte Babylonische Gefangenschaft führt. In Wahrheit ist er ein großer König, der seinem Reich eine Periode von Wohlstand und innerem Frieden beschert. Sein berühmtestes Werk ist der "Turm von Babel", in der Bibel das Beispiel menschlicher Anmaßung schlechthin. Dieser neunzig Meter hohe Tempel für den babylonischen Hauptgott Marduk ist stufenförmig angelegt. Auf der obersten Stufe steht der mit blauen Ziegeln verkleidete zweigeschossige Tempel Marduks. Kein Kultbild schmückt das Innere. Hier stehen nur ein Tisch und ein Bett. Einmal im Jahr beschläft in diesem Raum der König stellvertretend für Marduk die oberste Priesterin des Gottes. Mit dieser "Heiligen Hochzeit" soll das göttliche Wohlwollen und damit die Blüte der Stadt gesichert werden.

Das ist nicht das einzige Sexualopfer. Laut Herodot muss sich jede Frau Babylons einmal im Leben einem Stadtfremden hingeben, um Ischtar, die Göttin der sinnlichen Liebe, gnädig zu stimmen. Dafür sitzen die Jungfrauen aufgereiht an der Mauer ihres Tempels, und jeder Fremde kann sich das Mädchen aussuchen, nach dem ihm gelüstet. Die Auserwählte darf sich nicht weigern. Für ihre Liebesdienste erhält sie Geld, das die Priester der Ischtar kassieren.

Kein Wunder, dass Sitten und Gebräuche dieser Art wesentlich zum Bild von Babylon als der "Großen Hure" des Orients beitrugen, deren Untergang nur die gerechte Strafe für ihre Laster darstellte. "Mene tekel uparsin", so erzählt das Alte Testament, habe Gott, der Herr, in Flammenschrift bei einer wilden Orgie des letzten Regenten Belsazar an die Wand des Königspalastes geschrieben, "gezählt, gewogen und zu leicht befunden". Der Prophet Daniel im babylonischen Exil deutet dem erblassenden Belsazar das Warnzeichen: Gott werde das Reich den Persern geben.

Fast kampflos fällt die Stadt. 539 vor Christus zieht der Perserkönig Kyros II. in Babylon ein. Die Bewohner begrüßen ihn begeistert. Sie waren mit der Herrschaft Belsazars und seines Vaters Nabonaid angeblich höchst unzufrieden, weil beide den Marduk-Kult durch die Verehrung eines stadtfremden Gottes ersetzen wollten. Und Kyros lässt Milde walten. Nabonaid wird begnadigt und angeblich sogar als Provinz-Gouverneur weiterbeschäftigt. Der persische König bestätigt Marduk wieder als Stadtgott und gewinnt aller Sympathie mit seiner feierlichen Erklärung: "Über meine frommen Taten freut sich Marduk, der große Herr, und mich, den König, der ihn verehrt, segnet er in Gnaden, und wir preisen in Frieden seine erhabene Gottheit." Den Israeliten stellt Kyros frei, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Seine Beamten durchstöbern sogar die Schatzkammern der babylonischen Könige nach kostbarem Tempelgerät, das von Nebukadnezar aus Jerusalem weggeschleppt worden ist, und geben es an die Juden zurück.

Rund 200 Jahre lang erweisen sich die persischen Großkönige als maßvolle Herrscher. Es droht nicht mehr bei geringen Vergehen die Todesstrafe. Sie greifen erst dann unbarmherzig durch, "wenn die Summe der Vergehen eines Mannes die Summe seiner guten Taten übersteigt". Sein Wille sei, dass keine Ungerechtigkeit geschehe, lässt Dareios der Große (521-486 v. Chr.), der bedeutendste persische König, in Stein meißeln, "denn ich hasse die Lüge". Barbarisch werden allerdings Richter bestraft, die das Recht beugen. Sie werden gehäutet, und mit ihrer Haut wird der Richterstuhl bezogen - als warnendes Beispiel für den Nachfolger.

Doch schließlich werden auch die persischen Herren zu allmächtigen Despoten, die gottgleich ihrer Umgebung entrückt sind. Wer vor ihrem Thron erscheint, muss sich auf den Boden werfen. Wer sich einem Herrscher unaufgefordert nähert, wird wegen Majestätsbeleidigung hingerichtet.
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Mit Meißel und Schwert
Die Geschichte des Hofes nach dem Tod von Dareios dem Großen erscheint wie eine Folge verbrecherischer Abstrusitäten. Da werden unbotmäßigen Höflingen die Augen ausgestochen und die Ohren mit flüssigem Metall gefüllt. Da lässt die Frau des Großkönigs ihrer Schwägerin Nase, Ohren, Lippen, Zunge und Brüste abschneiden und schickt sie dann zu ihrem Gatten zurück. "Die Macht der Perser und ihrer Könige erschöpft sich in Unmengen von Gold, in Prasserei und schönen Frauen, ansonsten ist sie nichts als hohler Pomp und eitle Prahlerei", schreibt der Historiker Plutarch. Ein blutjunger Mann namens Alexander, seit 336 König des halbgriechischen Volks der Makedonen, dem die Geschichte den Beinamen "der Große" geben wird, sieht seine Chance gekommen.

334 bricht er mit seinem Heer auf, das Persische Reich zu erobern. 333 schlägt er bei Issos in Nordsyrien die Streitkräfte des Perserkönigs Dareios III. vernichtend. Zwei Jahre später stellt sich Dareios am Ufer des Tigris nahe dem Dorf Gaugamela zur entscheidenden Schlacht. Er verliert sie wieder und flieht, wie schon bei Issos, in seinem Streitwagen vor den heranstürmenden Makedonen. Auf dem Weg in seine östlichen Provinzen wird er von einem seiner Unterführer umgebracht, Alexander zieht mit seinem Heer in Babylon ein. Der persische Statthalter, der zuvor noch in der Schlacht tapfer gegen den Eroberer gekämpft hat, begrüßt ihn als legitimen Nachfolger des Großkönigs. Mesopotamien hat wieder einen neuen Herrn. Diesmal kommt er aus Europa.

In den zehn Jahren, die Alexander bis zu seinem Tod bleiben, ändert sich wenig für die Bevölkerung des heutigen Irak. Er übernimmt das persische Verwaltungsmodell, ernennt lediglich als Rückversicherung einen makedonischen General zum Kommandeur der Garnison von Babylon und einen anderen Landsmann zum obersten Steuereintreiber. Ansonsten ist er die meiste Zeit damit beschäftigt, weiter im Osten den Rest der bekannten Welt zu erobern. Nach Babylon kehrt er erst 323 zurück. Zum Sterben.

Böse Vorzeichen begleiten schon die Rückkehr des 33-Jährigen. Bei einem Schiffsausflug auf dem Euphrat bläst ihm der Wind das königliche Diadem vom Kopf ins Wasser. Ein einfacher Matrose hechtet dem Zeichen der Herrscherwürde nach, bekommt es auch zu fassen, doch zum Entsetzen der Anwesenden setzt er es sich selbst aufs Haupt, um besser schwimmen zu können. Alexander belohnt den Mann für seine Rettungstat mit einer großen Geldsumme - dann lässt er ihn wegen Majestätsbeleidigung hinrichten.

Wenig später setzt sich bei einer Audienz ein Unbekannter auf Alexanders Thron, als der kurz aufsteht. Dieser Mann muss ebenfalls sterben. Die Seher, die Alexander stets umgeben, deuten auch diesen Frevel als schlimmes Omen.

Am Vorabend einer geplanten Flottenexpedition um die arabische Halbinsel trinkt Alexander unmäßig, wie es seit Jahren seine Gewohnheit ist, doch am nächsten Tag bekommt er Fieber. Er bekämpft es mit seinem Hausmittel, gekühltem Wein. 24 Stunden später ist er schon so schwach, dass man ihn auf einer Trage in den Palast zurückbringen muss. Zehn Tage später ist der "Welteroberer" tot. Gestorben an Leukämie oder Malaria, wie die moderne Forschung annimmt. Doch auch die angegriffene Leber dürfte sein rasches Hinscheiden begünstigt haben. Kurz vor dem Tod gibt er seinen Herrscherring an einen seiner Feldherrn weiter. Als man ihn fragt, wer ihn bekommen habe, flüstert er kaum hörbar: "Der Stärkste."

Doch keiner seiner Gefolgsleute ist stark genug, Alexanders Erbe anzutreten. Das Weltreich des Eroberers zerfällt. Die Generäle liefern sich erbitterte Kämpfe um die Nachfolge, die so genannten Diadochen-Kriege. Dem alten Haudegen Seleukos gelingt es, sich fast den gesamten asiatischen Teil des Alexander-Reichs unter den Nagel zu reißen. Das Herzstück dieses nach ihrem Gründer benannten Seleukiden-Reiches ist das Zweistromland. Seleukos gründet in der Nähe von Babylon eine Stadt, seine neue Kapitale. Er nennt sie Seleukeia.

Doch Seleukos ist Makedone, ist Europäer, und will mit den Orientalen seines Reichs nicht viel zu tun haben - außer dass er sie als ergiebige Steuerzahler schätzt. Der König holt Makedonen oder Griechen als Siedler ins Land. Sie bilden bald eine kleine, isolierte Oberschicht. In ihren griechischen Neugründungen haben die Orientalen kein Bürgerrecht, in höhere Staatsfunktionen können die Einheimischen nur in Ausnahmefällen aufsteigen.

Und so nehmen es die Menschen an Euphrat und Tigris gelassen hin, als die Seleukiden-Herrschaft nach 180 Jahren zerbröckelt. Eine Reihe von Niederlagen gegen die Römer, die aufstrebende Weltmacht im Westen, schwächt die Seleukiden so sehr, dass sie den Osten ihres Reiches gegen die parthischen Reiterheere nicht mehr verteidigen können. Wie die Perser stammen die Parther aus dem iranischen Bergland. 139 vor Christus nehmen sie den größten Teil Mesopotamiens mit Babylon in ihren Besitz. Doch auch sie machen die Metropole nicht zum Regierungssitz, sondern gründen mit Ktesiphon am Tigris ihre eigene Hauptstadt. Sie sollte 350 Jahre Bestand haben.

Niemand kann heute genau sagen, warum der römische Multimillionär und mäßige Feldherr Marcus Licinius Crassus es sich in den Kopf setzte, von Syrien aus das Parther-Reich zu erobern. War es der Ehrgeiz, mit seinen Konkurrenten Julius Cäsar und Gnaeus Pompeius als Stratege gleichzuziehen? Trieb ihn die nackte Gier, durch die sagenhaften Schätze von Babylon, Seleukeia und Ktesiphon noch reicher zu werden? Oder einfach der Glaube, die Weltmacht Rom könne sich herausnehmen, was immer sie wolle?

53 vor Christus jedenfalls steht er mit seinen kampferprobten Legionären nahe der Stadt Carrhae den Panzerreitern und berittenen Bogenschützen der Parther gegenüber. Beide Seiten sind bis zur Arroganz von ihrem Sieg überzeugt. Das parthische Heer führt nicht einmal der König selbst, er hält das für unter seiner Würde. Crassus antwortet einem parthischen Unterhändler auf die Frage, warum um alle Welt er sie angreife: "Die Antwort gebe ich euch, wenn ich in eurer Hauptstadt stehe." Worauf der Parther mit dem Finger auf seinen Handteller deutet: "Eher wachsen hier Borsten, als dass du unsere Hauptstadt zu sehen bekommst."

Den ersten Angriffswellen der parthischen Reiter halten die römischen Fußsoldaten noch stand. Doch der Pfeilhagel hört nicht auf. Schließlich erkennen die verwunderten Römer, warum der Pfeil-Vorrat des Feindes geradezu unerschöpflich ist. Die Parther, offensichtlich doch nicht die tumben Barbaren, für die Crassus sie hielt, bringen mit Kamelkarawanen immer neue Geschosse zur Front.

Crassus befiehlt einen verzweifelten Gegenangriff der unterlegenen römischen Kavallerie. Sein Sohn Publius führt ihn. Die Reiter galoppieren ins Getümmel, schnell sind sie in einer riesigen Staubwolke verschwunden, die sich immer weiter entfernt. Dann wird die Staubwolke wieder größer, das Schlachtgetöse lauter. Hufe trommeln, Rüstungen blitzen, Offiziere brüllen zur Attacke. Es ist parthisches Siegesgeschrei. Der Angriffswoge voraus sprengt ein einzelner Reiter. Auf seiner Lanzenspitze trägt er etwas Schwarzes: den Kopf von Publius.

Crassus bricht nicht gleich zusammen. Er organisiert noch den erfolgreichen Widerstand gegen den feindlichen Ansturm und in der Nacht den geordneten Rückzug seines schwer angeschlagenen Heers. Doch er ist ein gebrochener Mann. Als ihn die siegreichen Parther zu Verhandlungen einladen, lässt er sich darauf ein, obwohl er eine Falle wittert. Mit einer kleinen Begleitmannschaft reitet er ins Lager der Feinde. Dort wird er unter ungeklärten Umständen erschlagen.

Ein paar Tage später platzt bei einem Theaterabend am Hofe, dem der parthische König Orodes beiwohnt, ein staubbedeckter Soldat mitten in die Vorstellung. Er schleudert ein graues Haupt ins Auditorium. Ein Schauspieler hebt geistesgegenwärtig den Kopf des Crassus auf und zitiert einen Vers von Euripides: "Wir bringen von den Bergen den frisch geschnittenen Schössling in den Palast, welch glücklicher Fund!" Die Anwesenden johlen. Rom, die Weltmacht der Antike, ist an Mesopotamien gescheitert.
Teja Fiedler


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