Der Schatz/ Treasure   portal born homepage
 

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licht und schatte 1-


Von Claudia P.

Es gibt viele Arten von Kindergeschichten.
Die meisten sind für Kinder von Erwachsenen geschrieben.
Andere erzählen von Kindern und sind für Erwachsene.


Diese Geschichte hier ist aber etwas besonderes. Sie ist von einem Kind geschrieben, für alle Kinder dieser Welt die jetzt gerade in diesem Augenblick Kinder sind.
Vielleicht auch für die wenigen Erwachsenen die es irgendwie geschafft haben noch Kinder zu bleiben, auch wenn das sehr unwahrscheinlich ist.
Ich sagte, für die Kinder in dieser Welt, denn die Kinder in einer anderen Welt würden sie vielleicht nicht verstehen, denn sie wüßten beispielsweise nicht genau was zum Beispiel Wasser ist, oder Wind.
Alle Kinder in dieser Welt wissen was Wasser ist, oder Wind. Aber es gibt doch Dinge die die meisten Kinder nicht zu wissen scheinen, aber die man unbedingt wissen sollte wenn man ein Kind dieser Welt ist, jetzt, in diesem Augenblick.

Für jedes Kind auf dieser Welt liegt ein Schatz verborgen, irgendwo. Es ist verdammt schade, das die meisten Kinder nichts davon wissen und diejenigen die wissen das irgendwo ein Schatz auf sie wartet geben die Suche meistens irgendwann auf.
Wenn ein Kind die suche nach seinem Schatz aufgibt, dann verschwindet er spurlos und kann niemals mehr aufgefunden werden.
Es gibt natürlich schon ein paar Menschen die ihren Schatz gefunden haben, ihr habt bestimmt schon von einigen gehört, wenn nicht, ist auch nicht schlimm, die werdet ihr schon noch kennen lernen, aber später, nicht jetzt.
Witziger weise begann alles nicht in dieser Welt, sondern in einer anderen. In einer Welt von der ich ab und zu heute noch träume.
Das erste mal, als ich diese andere Welt besuchte, da saß ich eigentlich gerade, ich glaube, im Mathematik Unterricht. Meinem Lehrer war plötzlich aufgefallen das ich nicht mehr da war und rief ganz laut: "Marie! Laß das, nicht in meinem Unterricht."
Ich glaube heute immer noch das er genau gewußt hat wo ich gewesen bin und der Grund warum er so wütend wurde, war, weil er als Kind wahrscheinlich eines Tages nicht mehr an den Schatz geglaubt hatte und jetzt wollte er das ihn auch kein anderes Kind findet.
Von diesen Erwachsenen gibt es sehr viele. Sie versuchen einen davon abzuhalten, erzählen einem das seien Hirngespinste und man solle seine Zeit nicht mit so einem Unsinn vergeuden. Vor diesen Erwachsenen muß man sich sehr in acht nehmen, denn eines Tages glaubt man ihnen und dann ist der Schatz für immer verloren.
Als ich die andere Welt, die wir alle das Regenbogenland nannten, zum ersten mal besuchte schenkte Gary mir keinerlei Beachtung. Er redete gerade mit einem anderen Kind, während wieder andere um ihn herum standen und zuhörten. Alle Kinder hier im Regenbogenland waren auf der Suche nach ihrem Schatz. Sie redeten wie wild durcheinander. Einer sagte: "...ich weiß genau das ich meinen Schatz finden werde, hab ne ziemlich heiße Spur, wißt ihr?"
"Mein Vater sagt immer: wenn man etwas wirklich will, dann kriegt man es auch."
Ein anderer Junge schaute ihn böse an und sagte: "Ich hab keinen Vater und ich will schon die ganze Zeit ganz doll einen, aber das ist gar nicht so leicht, weißt du?"
"Meine Oma sagt immer das man das Glück nicht finden kann, das Glück muß einen selber finden."
"Mutter meint, die meisten Menschen buddeln viel zu tief, die Schönheit ist gleich vor deiner Nase."
Wie ihr wahrscheinlich schon gemerkt habt, wußte keines der Kinder im Regenbogenland genau was denn der Schatz überhaupt ist.
Viele glaubten es sei das Glück was der Schatz für sie verborgen hält, darum seien auch so viele Menschen unglücklich, denn sie alle hätten ihren Schatz nicht gefunden. Andere waren überzeugt das es sich um Reichtum oder Schönheit handelte.
Ein paar wenige behaupteten das dieser Schatz mit Gewißheit einen Haufen Weisheit enthält, aber niemand schien wirklich zu wissen was Weisheit eigentlich ist.
Gary, der Junge der mit den anderen Kindern sprach, so erfuhr ich, war schon am längsten von allen auf der suche nach seinem Schatz.
Er war nicht der Älteste, aber er hatte wohl schon sehr früh mit der Suche angefangen.
Seine Mutter war gestorben als er noch ganz klein war und sie hatte ihm erzählt das die Kinder dieser Welt alle auf der Suche nach ihrem Schatz seien. Seit dem war Gary auf der Suche.
Ich glaube jedes der anderen Kinder an seiner Stelle hätte die Suche schon längst aufgegeben. Gary erzählte oft von all den Erwachsenen die ihm den Guten Rat gaben damit endgültig, ein für alle mal aufzuhören. Gary aber war sich sicher das seine Mutter ihn nicht angelogen hatte. Einige sagten auch, er müsse verrückt sein, er bilde sich das nur ein, seine Mutter hätte niemals so einen Blödsinn erzählt, aber Gary wußte es ganz sicher.
Er würde nie die Suche nach seinem Schatz aufgeben, das war klar.
Tja, da fragt man sich ja schon, ob wohl jeder der die Suche nach seinem Schatz nicht aufgibt ihn dann zum Schluß auch finden wird? Ich frage mich das heute immer noch.
Nur was ich weiß ist, das die Menschen die irgendwann mal die Hoffnung aufgegeben haben irgendwie die Lust an vielen Dingen verloren habe.
Die Kinder im Regenbogenland fragten Gary andauernd was der Schatz denn sei, wie er aussieht oder wo man ihn den findet.
Gary wußte mehr als alle andren Kinder über den Schatz. Er sagte: "Er ist jedesmal anders und nie am gleichen Ort. Mansche müssen sehr weit reisen um ihn zu finden, andere finden ihn zum Beispiel mitten in einer Glückssträhne die rot glänzt."
Dann erzählte er das er von einem Mädchen gehört hätte die fast im Meer ertrunken währe und als die Ärzte sie dann gerettet hatten erzählte sie ihnen das sie bei dem Unglück zufällig dort unten im Meer ihren Schatz gefunden hätte.
Gary hatte schon so ein Gespür entwickelt, er meinte er könne den Schatz eines Anderen spüren.
Er behauptete, die meisten Schätze würden sich bewegen, deshalb waren sie so schwer zu finden.
Gary sagte das der Wind die Schätze von einem Ort zum anderen wehte und das Wasser würde sie von einem Kontinent zum anderen tragen. Gary hatte anderen Kindern geholfen ihren Schatz zu finden.
Das war der Grund warum sie alle um ihn herum standen.
Gary hatte schon viele Schätze gesehen. Ich persönlich weiß von keinem anderen Kind das schon mal den Schatz eines anderen gesehen hat, aber es war ja auch kein anderes Kind so lange auf der Suche wie Gary.
Ich bin oft im Regenbogenland bei all den anderen Kindern gewesen. Wir alle waren immer auf der Suche nach unserem Schatz und es war schön zu wissen das man nicht alleine auf der Suche war.
Doch jedes mal wenn ich ins Regenbogenland kam schienen andere Kinder da zu sein. Außer Gary begegnete ich niemals einem Kind mehr als drei mal.
Auch hatte ich das Gefühl das es immer weniger Kinder wurden die auf der Suche nach dem Schatz waren. Ich hatte ja selber schon gemerkt das es immer schwieriger wurde das Regenbogenland zu besuchen.
Die Erwachsenen hatten eine neue Methode entdeckt ihren Kindern beizubringen mit Beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen.
Sie nannten es Therapie.
Eine dunkle Zeit war herein gebrochen, in der viele Kinder Realistisch wurden. Realistisch wurde ich auch ein wenig, aber nie ganz, nie wenn ich alleine war.
Der Trick war, das man sich nicht erwischen lassen durfte wenn man ins Regenbogenland reisen wollte, oder auf der Suche nach seinem Schatz war, was natürlich äußerst schwierig sein konnte.
Außerdem hatten die meisten aufgehört von dem Schatz zu erzählen.
Die Welt hat sich verändert, hieß es, heute muß man realistisch sein wenn man nicht verhungern will.
Aber es gab viele die realistisch verhungerten und das gab mir zu denken.
Ich wartete ab bis ich alleine in meinem Zimmer war.
Alle schliefen.
Ich lauschte noch eine Weile ganz genau, waren da nicht Schritte? Nein, niemand.
Dann sprang ich zurück in mein Bett, unter die Bettdecke und machte die Taschenlampe an. Ich nahm eins meiner Lieblingsbücher und las,
ich las und las und las und las und dann erkannte ich es wieder, da war es, zwischen den Zeilen, Gary und die anderen Kinder, auf der suche nach ihrem Schatz.

Es war dunkel, Gary saß auf einem Stein und schrieb etwas. Es waren nur sehr wenige Kinder da und die meisten von ihnen trugen Schlafanzüge und Nachthemden.
Ich ging auf Gary zu, wollte ihm sagen das ich mich sehr freue ihn wieder zu sehen.
Gary faltete seinen Zettel auf dem er geschrieben hatte zusammen und sagte: "Du schon wieder, na, hast'e noch nicht aufgegeben? Hab deinen Schatz nicht gesehen, kannst wieder gehen."
Damit hatte ich gar nicht gerechnet und sagte prompt: "Tja, aber vielleicht wollte ich dir sagen das ich deinen Schatz gesehen habe?!"
Das war natürlich gelogen aber es machte mir Freude zu sehen das sein Gesichtsausdruck jetzt genauso blöde aussah wie meiner eben ausgesehen haben mußte.
Gary merkte natürlich sofort das daß Blödsinn war, aber für einen Bruchteil einer Sekunde hatte er es wohl doch für möglich gehalten.
Das war der Beweis, das er die Suche nach seinem Schatz immer noch nicht aufgegeben hatte.
Er lächelte und rutschte dann ein Stückchen, so das ich mich auch auf den Stein setzten konnte.
"Es werden immer weniger," sagte er,
"Ich weiß!", stimmte ich zu, "nur wenige unserer Eltern haben noch ihren Schatz gefunden, es gibt faßt keinen mehr der davon weiß."
"Doch", sagte Gary, "die meisten Eltern waren hier, haben alle nach ihrem Schatz gesucht. Bloß weil sie ihn nicht gefunden haben, wollen sie auch nicht das ihre Kinder ihn finden."
"Warum sollten sie das nicht wollen?"
"Sie haben angst das ihre Kinder sie dann für Verlierer halten."

Tja, vielleicht hatten sie recht, dachte ich.
"Meine Mutter hält mich bestimmt auch für einen Verlierer. Sie hat ihn gefunden als sie noch sehr klein war und ich suche schon so lange und jedesmal bin ich entweder zu spät oder am ganz falschen Ort zur falschen Zeit."
Gary war richtig verzweifelt, noch nie hatte ich ihn so traurig gesehen.
Wie ich schon sagte es waren dunkle Zeiten hereingebrochen.
Die Kinder wurden noch weniger und konnten nie lange bleiben.
Die meisten kamen jetzt Nachts in ihren Schlafanzügen und Nachthemden, nur ein paar verrückte kamen noch Tagsüber.
Dafür aber traf man immer öfter die selben Kinder.
Ich muß schon sagen, die Kinder die in dieser dunklen Zeit noch ihren Weg ins Regenbogenland fanden waren durchaus sehr treue Kinder.
Tanja, zum Beispiel, kam jede Samstag Nacht, wenn ihre Mutter aus ging und Tobias besuchte uns immer in den Ferien. Die Zwillinge Mark und Michael kamen immer um Mitternacht mit ihrem Hund Bernhard.
Nach dem Tilde uns dann eines abends erzählt hatte das ihre Eltern ihr zum Geburtstag Malfarben geschenkt hatten, kam sie uns nie wieder besuchen. Alex, der auf die gleiche Schule ging wie Tilde hatte uns berichtet, sie hätte ihren Schatz gefunden.
Das war das letzt mal das ich mich daran erinnern kann das ein Kind seinen Schatz gefunden hatte, das letzte mal für eine sehr lange Zeit.
Tja, vielleicht sollte ich euch noch erzählen das daß Regenbogenland keinerlei Zeit besaß. Die Uhren die mansche von uns Kindern am Handgelenk hatten blieben alle stehen.
Gary brachte mal eine Sanduhr mit um uns allen zu zeigen wie der Sand in der Uhr einfach wie fest gefroren, in der Luft hängen geblieben war.
Tja, das interessante war, das einige von uns erzählten sie seien eigentlich schon Erwachsen, in der Realität, meinten sie, aber die gab es ja nicht im Regenbogenland.
Im Regenbogenland waren wir alle Kinder, immer.
Es vergingen viele Nächte und Gary und ich hatten viele lange Gespräche. Wir verstanden uns sehr gut, und manchmal war mir die Suche nach meinem Schatz nicht mehr so wichtig.
Doch dann, eines Nachts erwähnte Gary ihn.
Er erzählte mir ganz aufgeregt das er sich sicher sei, er hätte gemerkt das mein Schatz gestern Nachmittag ganz in der Nähe gewesen sein mußte.
"Ich habe da so etwas gespürt. Es kam mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich das schon mal erlebt", erzählte Gary, "da war dein Schatz, ich bin mir ganz sicher."
"Aber woher weißt du das?", fragte ich.
"Ich hab dich gesehen, gestern auf dem Schulweg nach Hause. Du bist an einem Laden vorbei gegangen und hast dir im Schaufenster was angesehen. - Da hab ich's gesehen, hinter dem Glas, da hat was geleuchtet. Ich bin mir ganz sicher. - Dann, als du heute von der Schule kamst, da war er noch mal, ganz kurz nur, aber ich bin sicher das er noch ein drittes mal wieder auftaucht. Hast du denn gar nichts bemerkt?"
Gary schaute mich erwartungsvoll an. Er hatte vor lauter wundern vergessen seinen Mund zu schließen und ich mußte einfach laut lachen.
"Ich weiß nicht!", sagte ich nach einer Weile.
"Willst du ihn denn nicht?", fragte Gary.
"Es macht mir Angst", sagte ich, "zu wissen das ich vielleicht die einzige bin die ihren Schatz wiederfindet."
"Glaubst du eigentlich das daß Regenbogenland der einzige Ort ist an dem sich Kinder versammeln die auf der Suche nach ihrem Schatz sind?"
Darüber hatte ich noch nie vorher nachgedacht. Natürlich mußte es noch unzählige andere Orte geben zu denen man finden kann.
"Es gibt Orte die sind unter Wasser und andere hoch oben in den Wolken. Wieder andere mitten in der Wüste oder im Keller eines alten Schlosses. - Bei den meisten bin ich schon mal gewesen, aber hier hat es mir persönlich am besten gefallen, bis die dunkle Zeit anbrach, aber solange noch Kinder kommen werde ich auch hierbleiben. - Außerdem habe ich gestern nach langer Zeit wieder zum ersten mal den Schatz eines Kindes gesehen, deinen Schatz." Gary verstummte.
Wir saßen lange stumm nebeneinander auf dem Stein.
"Vielleicht haßt du recht, vielleicht hab ich es ja auch gemerkt, meinen Schatz meine ich."
"Und? Freust du dich nicht?"
"Doch", lächelte ich, "ein wenig schon."
"Was ist es denn?"
"Was?"
"Na dein Schatz, was ist es?"
"Wie meinst du das?"
"Na was du dir angeschaut hast, du hast doch gesagt das du es auch gemerkt hast."
Gary guckte mich erwartungsvoll an und ich entdeckte ein kleines verstecktes Grinsen in seinem Mundwinkel. Jetzt begriff ich, er hatte mich reingelegt. Jetzt, da ich wußte was mein Schatz war hatte ich ihn gefunden. Ich besaß ihn also schon, es war überhaupt nicht meine Entscheidung gewesen. Gary hatte nur alle Zweifel beiseite geräumt und bestätigt was ich schon vermutet hatte.
Zuerst dachte ich das ich sauer auf Gary sein müßte, aber er lächelte mich an und nickte unauffällig und sagte: "Das war ne verdammt harte Nuß und n verdammt cooler Schatz den du da bekommen hast."
In dem Augenblick wurde mir völlig klar, das Gary seinen Schatz schon lange gefunden hatte. Wahrscheinlich schon in dem gleichen Augenblick als seine Mutter ihm davon erzählt hatte.
Sie sagte: "Die Kinder dieser Welt sind auf der Suche nach ihrem Schatz, du mußt dich auch auf die Suche machen."
Gary's Schatz war den Kindern dieser Welt bei der Suche nach ihrem Schatz zu helfen und genau das hatte er seit dem getan.
Ich bin mir nicht wirklich sicher ob Gary wußte das er seinen Schatz schon gefunden hatte, doch meinen Schatz hatte ich, wenn ich so zurück denke, schon immer bei mir.
Was ich damals, als ich von der Schule nach Hause ging im Schaufenster gesehen habe?
Das war nur eine alte Schreibmaschine, sonst nichts. Die gleiche mit der ich gerade diese Geschichte hier aufgeschrieben habe.

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