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Wo wohnt die Sonne?
von Karin Ernst

Jan steht im Schlafanzug am Kinderzimmerfenster und sieht träumend hinaus. Seine Mutter kommt herein: "Willst du dich gar nicht anziehen heute? Es ist doch ein wunderschöner Tag. Schau, wie die Sonne scheint. Träumst du?" fragt sie. "Ich ziehe mich gleich an, damit ich rausgehen kann. Ich überlege nur gerade .....", sinniert er. "Was überlegst du?" "Mama, weißt du, wo die Sonne wohnt?"

Die Mutter nimmt Sachen aus dem Schrank und räumt ein wenig im Zimmer auf. "Wo die Sonne wohnt. Worüber du aber auch immer nachdenkst. Langsam muß ich ans Packen für den Urlaub denken". Sie geht nicht näher auf die Frage ein. Die Familie will in ein paar Tagen an die Nordsee in Urlaub fahren. Vieles will vorher noch geplant werden.

Nach dem Frühstück geht Jan raus zum Spielen. "Ich werde schon herausfinden, wo die Sonne wohnt". Herrlichster Sonnenschein empfängt ihn draußen. Er schaut sich die Sonne an. Gar nicht so einfach ist das, denn sie blendet, so daß er sich die Hand vor die Augen hält. "Wo magst du nur wohnen?" fragt er, bekommt aber leider keine Antwort von dort oben.

Als er wieder nach unten guckt, ist er ein wenig verwirrt vor lauter Helligkeit. Beinah wäre er über seine Katze gestolpert. Sie liegt faul in der Sonne und räkelt sich genüßlich. "Hast Du eine Ahnung, wo die Sonne wohnt?" fragt Jan. "Du liegst so oft draußen, wenn sie scheint. Du müßtest es eigentlich wissen". "Nöö, keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Hauptsache, sie scheint.
Damit ich hier faul rumliegen kann", antwortet das Tier. "Na gut, ich werde schon jemanden finden, der mir Antwort geben kann".

Zwischen Spielen und Toben vergißt Jan, daß er nach der Antwort auf die Frage suchen wollte, wo die Sonne wohnt. Nachmittags wird er wieder daran erinnert. Das Telefon klingelt. Die Oma ist dran. "Na, mein Kleiner. Geht´s dir gut? Freust du dich schon auf Eure Ferien an der See?" "Ja, Oma. Aber .....", er zögert. Dann spricht er weiter: "Oma, weißt du vielleicht, wo die Sonne wohnt? Dauernd steht sie am Himmel. Aber wo wohnt sie wirklich?" Seine Oma überlegt eine Weile. Dann antwortet sie: "Jan, die Sonne wohnt in Kinderherzen. In jedem Kind". Sie spricht so überzeugt, daß Jan sich mit der Antwort zufrieden gibt. Er überlegt: "Wie soll eine Sonne in sein Herz hineinpassen? Die ist doch viel zu groß dafür. Was die Oma auch immer erzählt!"

Jetzt fällt ihm etwas ein. Ich weiß, wen ich fragen kann. Wenn Papa nachhause kommt, werde ich ihn fragen. Der weiß so viel. Sicher kann er auch im Internet nachsehen. Papa sagt immer, man könne alles im Internet finden. Vielleicht steht dort ja, wo die Sonne wohnt.

Als sein Vater abends nachhause kommt, überfällt ihn Jan sofort mit seiner Frage. "Papa, kannst du mir vielleicht sagen, wo die Sonne wohnt? Ich wüßte es wirklich gerne. Jeder wohnt irgendwo. Die Sonne muß auch irgendwo wohnen". Der Vater schmunzelt ein wenig vor sich hin. "Ich habe so viele schlaue Bücher. In einem werde ich wohl die Antwort finden. Später werde ich nachsehen. Ich kann auch ins Internet gehen und dort suchen. Gedulde dich ein wenig. Wenn ich etwas herausfinde, sage ich es dir".

Jan gibt sich mit der Antwort zufrieden. Er denkt nur: Hoffentlich vergißt er es nicht. Papa hast immer so viel zu lesen und am Computer zu erledigen. Er seufzt ein wenig, weil er seinen Vater ziemlich genau kennt. Bisher hat er nicht gewußt, wo die Sonne wohnt. Nun kann er noch ein wenig länger warten. Eine Antwort muß es geben.

Am nächsten Tag geht der Junge wieder nach draußen spielen. Er trottet ein wenig vor dem Haus herum, weil kein Spielkamerad zu sehen ist. Der Nachbarhund liegt vor der Haustür. Vorsichtig lugt er durch ein Auge zu Jan hin. Er kennt ihn gut. "Kannst du mir sagen, wo die Sonne wohnt? Du liegst auch so gerne in ihrer Wärme. Vielleicht weißt du es ja", hofft Jan.

"Nee, weiß ich auch nicht. Ich glaube nicht, daß Hunde so etwas wissen müssen. Wir haben nur Instinkt. Scheint die Sonne, legen wir uns in die Wärme. So einfach ist das". "Na gut", antwortet Jan und geht weiter.

Kein Kind ist zu sehen. Wo sind die anderen nur alle? Ein wenig langweilig ist ihm. Er geht auf das Grüngelände, das in der Nähe des Elternhauses liegt. Seine Eltern haben ihm erlaubt, hier zu spielen. Von ihrem Hause aus können sie ihn hier gut beobachten. Jetzt kommt er zu den Weiden.

Auf einer Pferdekoppel sieht er sein Lieblingspferd. Er kann zwar noch nicht reiten, aber wenn er zur Koppel kommt, läuft das Pferdchen immer zum Zaun. Jan füttert es ein wenig mit frischem Gras und schaut sich das Pferd genau an. "Du hast solch einen großen Kopf. Sicher weißt du eine ganze Menge". Das Pferd schaut ihn interessiert an und schüttelt seine Mähne. "Weißt du vielleicht, wo die Sonne wohnt? Niemand konnte mir bisher eine Antwort geben?" Das Pferd überlegt eine ganze Weile, schüttelt dann nochmals heftig seinen Kopf. "Nein, mein Junge. Das wissen Pferde wohl nicht. Die Sonne scheint. Es regnet. Das ist eben so. Mehr Gedanken machen wir uns nicht darüber". "Okay", sagt Jan, streichelt es noch einmal und läuft davon.

Er versucht, wie ein Pferd zu springen. So richtig gelingt es ihm nicht, macht aber viel Spaß. Dann spielt er ein neues Spiel. Er versucht, auf dem Schatten, den ein Sonnenstrahl hinterläßt, zu laufen. Plötzlich landet er beinah in einem Stacheldrahtzaun. Hier endet der Schattenstrahl nämlich.

In diesem Moment glaubt Jan zu träumen. Die Erde bewegt sich! Erschrocken traut er kaum seinen Augen. Er sieht genauer hin und muß lachen. "Ach, du bist es, Mauli". Ein Maulwurf hat sich durch die Erde nach außen gewühlt und blinzelt ein wenig in die Helligkeit. Jan mag Tiere und hat auch schon Maulwürfe gesehen. Seine Eltern mögen im Garten keine, weil sie den Rasen zerwühlen.

Der Junge und der Maulwurf sehen sich an, da fällt Jan seine Frage ein. "Hast du eine Ahnung, wo die Sonne wohnt? Ich will es unbedingt wissen". "Um Gottes Willen, laß mich bloß mit der Sonne zufrieden", antwortet Mauli. "Wir Maulwürfe leben doch unter der Erde. Dort ist es dunkel. Wir mögen die Sonne nicht". Sprach es, und schwupp, ist er wieder in seinem Erdloch verschwunden.

Langsam geht die Sonne unter. Jan schaut sie an. "Warum kannst du mir nicht sagen, wo du wohnst?" Dann zieht plötzlich ein Lachen über sein ganzes Gesicht. Ich werde es selbst herausbekommen, überlegt er. Und rennt los. So, als wenn jemand hinter ihm her ist. Der Junge hat nämlich gesehen, daß die Sonne hinter dem nächsten Haus verschwindet. Er wird herausfinden, ob sie dort wohnt.

Er läuft und läuft, daß ihm bald die Zunge aus dem Hals hängt. Als er das Haus erreicht, hinter dem er die Sonne vermutet, ist er ganz enttäuscht. Keine Sonne ist zu sehen. "Och, Mensch, wo ist sie jetzt geblieben?" fragt er sich. Er sieht sich noch weiter um, entdeckt aber die Sonne nicht. Hinter einem Weidezaun neben dem Haus sieht er einige Heidschnucken. Der Besitzer hat diese Schafe erst vor kurzem bekommen. Jan kennt sich mit diesen langhaarigen Schafen nicht so gut aus. Andere mag er gerne. Vor allem die Lämmchen.

Vorsichtig geht er an den Zaun. Die Schnucken sind aber recht zutraulich. Sie kommen gleich angelaufen, so daß Jan auch ihnen ein wenig frisches Gras gibt. "Bööööh", machen sie zum Dank. "Mögt ihr Schafe eigentlich die Sonne?" "Jaja, schon. Dann wächst leckeres Gras", sagt das dickste Schaf.

"Dann wißt ihr vielleicht, wo die Sonne wohnt?" "Woher sollen wir das denn wissen? Wir sind doch ständig damit beschäftigt, Gras zu fressen. Da haben wir doch keine Zeit, uns darüber Gedanken zu machen". Jan nuschelt zur Antwort: "Blöde Schafe" und geht nachhause.

Am nächsten Morgen ist es endlich soweit. Er fährt mit seinen Eltern an die Nordsee. Dort waren sie schon einmal gewesen und es hatte allen gut gefallen. "Och, nun regnet es wieder. Schade", ruft der Vater. "Für die Fahrt hätte ich mir gern Sonne gewünscht". Die Mama gibt aber zu bedenken, daß es bei Sonnenschein zu warm im Auto ist. "So ist es besser. Vielleicht hört es bald auf zu regnen".

So kommt es. Auf der Fahrt bleibt es trocken. Die Sonne zeigt sich allerdings nicht. Je näher sie ihrem Urlaubsort kommen, desto heller wird der Himmel. "Wenn Engel reisen", lacht die Mutter. Am Nachmittag erreichen sie ihr Urlaubsdomizil. Als alle aus dem Auto aussteigen, scheint die Sonne strahlend vom Himmel. "So ist das an der See. Erstaunlich", sagt Jans Vater.

Sie packen aus und Jan schaut sich um. "Gehen wir nachher gleich noch zum Wasser?" "Wenn wir fertig mit dem Auspacken sind, können wir los", antwortet sein Vater. Es wird doch später, als Jan gehofft hatte. Als sie endlich Zeit haben, zum Wasser zu gehen, ist es bereits früher Abend. "Sieht der Himmel hier am Meer nicht viel schöner aus, als bei uns?" fragt die Mutter. Jan schaut, kann aber keinen großen Unterschied erkennen.

Als sie zum Deich kommen, läuft er ihn schnell hinauf. "Mama, Papa, das Wasser ist da", ruft er. Gut kann er sich nämlich noch daran erinnern, daß es hier Ebbe und Flut gibt. Und ein Sprichwort sagt: Das Wasser verschwindet, weil es zu viele Gäste nicht mag. "Es mag uns, das Meer", freut er sich. Er rennt den Deich hinunter zum Wasser. Die Eltern folgen. Schön ist es am Meer, denkt Jan und setzt sich auf die großen runden Steine.

Seine Eltern haben sich auf einer Bank niedergelassen. Ganz verträumt schauen alle aufs Wasser. Und auf den Himmel. "Ist es nicht wie in dem Lied: Es löscht das Meer die Sonne aus?" fragt die Mutter den Vater. Jan wird plötzlich ganz aufgeregt. In aller Reiseaufregung hatte er die Sonne vergessen. Seine Frage fällt ihm wieder ein.

In diesem Moment geht die Sonne unter. Im Meer. Staunend verfolgt Jan dieses fantastische Naturschauspiel. Und endlich hat er seine Antwort.

"Ich weiß jetzt, wo die Sonne wohnt", erzählt er freudig seinen Eltern.

"In der Nordsee".....

***** E n d e *****

(18. April 2002)

Kontakt zu Karin Ernst:http://www.karins-leseecke.de

 

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